PRESSE

ANDREA PANCURs FEDERMENTSH

Garantin für ein "bisschen mehr"
- Schmidt-Haus: Andrea Pancur präsentiert Lieder ihres neuen Albums "Federmentsh"

"Während wir beschäftigt sind uns ständig zu verabschieden, findet das statt, was man Leben nennt." Wie oft bleibt von einem Kleinkunstabend nur ein "Was haben wir gelacht" in Erinnerung. Manchmal nimmt man aber auch ein bisschen mehr mit nach Hause. Garant für dieses "bisschen mehr" sind Abende mit Andrea Pancur.
So auch ihr Auftritt im Nabburger Schmidt-Haus. In verschiedensten Formationen war sie hier schon zu Gast. Ob als sängerin des Weltmusik-Ensembles "Bappa e Zittu" oder zuletzt als Herzdame im Quartett "A Tickle in the Heart". Am Freitagabend präsentierte sie Lieder aus ihrem Programm "Federmentsh". Jiddische Lieder von "Federmentshen" - so das jiddische wort für Literaten - aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Andrea Pancur weiß, von was sie spricht. Klezmer ist ihr Leben seit sie mit 25 Jahren das erfolgreiche Sextett "Massel-Tov" gründete und zur wichtigsten Vertreterin jiddischer Musik in Deutschland avancierte.
Ihre Liebe zu dieser Musik, die hört man an diesem Abend, wenn die mittlerweile 40-jährige Münchnerin hingebungsvoll ihre Lieder singt. Lieder, die von Liebesschmerz, Liebesfreud und feucht-fröhlichen Exzessen erzählen. Und immer wieder teiftrauriges. Denn: "Traurigkeit kann sehr schön sein. Und sie steht mir ausgezeichnet."

PRÄSENZ UND AUSDRUCK

So kokett wie wahr. Andrea Pancur besitzt das nötige Maß an Präsenz und Ausdruckskraft, um all diese Geschichten in ausgezeichneter Weise zu vermitteln. Das tut sie mit Hilfe ihrer geschulten Stimme: kräftig erdig in den Tiefen, erfrischend klar in den höhen. Und das tut sie auch mit Hilfe dreier exzellenter Musiker: Zzsammen mit Roman seehon (Perkussion), Markus Müllr 8Kontrabass) und der wunderbaren Akkordeonistin Franka Lampe zaubert sie Musik in den Raum, die von mittelalterlichen Gesängen ohne Worte bis zum swingenden "Jiddisch goes Reggae" reicht.
Und wenn sie nicht singt, dann erzählt Andrea Pancur von "Federmentshen", von Festen oder auch nur kleine Weisheiten über das Leben, das eigentlich ein einziges Sich-Verabschieden sei. Die Frage "Was bleibt?" beantwortet sie mit feinem, leisen, jüdischen Humor: "Gott bleibt - und das sollte nun wirklich ausreichend sein". Ausreichend Applaus für einen wunderschönen Abend und ein "bisschen mehr".
(Der Neue Tag, 27.04.2010)


 

modern klezmer quartet - Das Schostakowitsch Projekt

Zwischen tiefem Leid und Leidenschaft
- Das Ensemble um Andrea Pancur überwindet die Grenzen von E- und U-Musik

Der Weg, den das Ensemble eingeschlagen hat ist neu, wenn auch in der Überwindung der Grenzen zwischen E- und U-Musik zeitgemäß. Dmitri Schostakowitschs Liederzyklus "Aus jüdischer Volkspoesie" für drei Stimmen von 1948, unter Op. 79a vom Komponisten selbst für Orchester gesetzt, ist an sich bereits grenzüberschreitend. Schostakowitsch hatte darin ostjüdische Lieder in seinem behutsam freitonalen Stil verarbeitet. Selbst wenn das modern klezmer quartet die orchestrale Vorlage sehr frei auf die farbige Instrumentierung dr Ensembles übertrug, wurde dennoch deutlich, wie eng die jüdische Musik mit der eigenwilligen Harmonik, bisweilen auch Melodik Schostakowitschs verwandt ist.
Die acht klagevollen und grundtraurigen Lieder von tod, elend, Trennung und Not, deren Abgründe Pancur zumindest in den Erläuterungen etwas von Schmerz und Finsternis zu befreien bemüht war, verlagerten ihren Duktus in den einfühlsam emotionalen Interpretationen des Ensembles zu klangmalerisch vertonten Erzählungen hin. Selbst in den drei angefügten Liedern zur Bauchpinselung des stalinistischen Regimes, den parodistisch übersteigerten Lobpreisungen des Kochosenglücks, blieb der narrative Charakter bestehen, wenn auch melodiös verflacht.
Die klangamlerisch umrahmte Erzählung ist letztlcih das Kennzeichen der jüdischen lieder. Nicht alle Vorlagen Schostakoitschs waren auffindbar, doch die in Seefeld höchst emotional und verdichtet vorgetragenen, zeugten von enger Verbundeheit Schostakowitschs mit der jüdischen Kultur. Frentischer Applaus.
(Süddeutsche Zeitung, 16.01.2009)


 

A Tickle in the Heart meets ANDREA PANCUR

Jiddische Lieder von Liebe und Leidenschaft

Drei Männer aus Köln und eine Dame aus München vereinen ganz selbstverständlich Jazziges, Swing und klezmer. Dabei singen und spielen "A Tickle in the Heart" zusammen mit Andrea Pancur in der Kofferfabrik, wie könnte es anders sein, von Liebe, Lust und Leidenschaft.
Die drei Herren mittleren Alters, die kurz vor halb zehn die Bühne betrten und die cem Aussehen nach auch alle drei Zahnärzte oder Anwälte hätten werden können, haben sich dem Klezmer verschrieben. Mit Haut und Haaren und einem lächeln sowie der erfreulichen Lust am Grenzüberschreiten.
Das beginnt schon bei der Instrumentierung, wo einer hervorragenden Klarinette (Bernd Spehl) und einem prägnanten Kontrabass (Thomas Fritze) beispielsweise eine gewandte Mandoline (Andreas Schmitges) beigegeben wird. Bisweilen auch eine fingerfertige Fluier, eine Holzflöte aus dem moldawischen Raum, die ein wenig aussieht wie eine überdimensionale Zimtstange und von Spehl auch gespielt wird als würde er gerade genußvoll in etwas zu Essen beißen.
Doch die etwas andere klezmer-Athmosphäre, die sich wohlig breit macht, ist in erster Linie zurückzuführnen auf die Offenheit, anderen Musikstilen Raum zu geben. Da hört man immer wieder Irisches, ab und an Südamerikanisches oder auch Passagen, die an Zigeunerweisen erinnern; Jazz-Anleihen blitzen auf und hin und wieder bricht der Swing durch einige Takte. Man spürt die uralten Traditionen des Klezmer, aus denen die Musiker schöpfen, und man erkennt die neuen Schwingungen, die die Herz-Kitzle mit hineinnehmen in ihre Musik.
Dies alles vortrefflich besungen von Andrea Pancur. Mit ihrer, vor allem in den tieferen Lagen, anrührenden und innigen Stimme, singt sie über das Verlassenwerden, die Magie des ersten Erkennens zweier Liebenden und über die nicht ausbleibende Hochzeit. Vor jedem Stück erzählt die sympathische sängerin dazu knapp den Inhalt des Liedes, so dass man den jiddischen Texten gut folgen kann.
Fein interpretierte Tanzmusik darf natürlich nicht fehlen an so einem Abend, Lustiges, Heiteres, Erfrischendes. Aber auch in den nachdenklichen Passagen nuanciert Andrea Pancur mit Schmerz und wehmut in der Stimme ein ums andere Mal gekonnt. Ein allein vorgetragenes, sehr inniges Herbstlied von Beyle Schaechter-Gottesman singt sie mit exakt der Schattierung von Brüchen in der Stimme, die einem solchen Stück gut tun. Diese art von Musik darf nicht lupenrein gesungen werden, wovon Andrea Pancur hier auch Gott sei Dank Abstand nimmt.
Ein weiterer Höhepunkt des Abends ist das sehnsuchtsvolle Instrumentalstück, das das Kölner trio im Jahr 2005 schon für das Oberhaupt der katholischen Kirche gespielt hat ("Was gut für den Papst ist, soltle auch gut genut für die Kofferfabrik sein." - so ist es!) sowie ein vertontes Gedicht von Selma Meerbaum-Eisinger. Das "Viglid far dir" war mit luftig leicht, fast fliegend umgesetztem Text ein idyllisches Lied zur Nacht. Warmer Applaus für dieses charmant gemischte Programm.
(HFN, 05.05.2008)